Unterschätzte Realität in Familie und Haushalt

Zweites Seminar „Excellence in the home“ in Haus Hardtberg: Bedeutung und Leistung der Familie für Wirtschaft und Gesellschaft, Ideen und Beispiele zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Von Elisabeth Hintzen

sample_familie_01.jpgDas zweite Seminar „Excellence in the home“ am 2. Mai 2009 in Haus Hardtberg stellte die Themen Familie und Beruf in den Mittelpunkt. Die Professoren Dr. Kirsten Schlegel-Matthies, Paderborn, und Dr. Michael-Burkard Piorkowsky, Bonn stellten die Bedeutung und Leistungen der Familie für Wirtschaft und Gesellschaft in den Mittelpunkt ihrer Vorträge. Vier engagierte Frauen lieferten bei einem Podiumsgespräch Ideen und Beispiele zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 

„Wo lernt ein Kind eigentlich, mit Messer und Gabel zu essen?“ Natürlich zuhause bei den Eltern. Die Vermittlung grundlegender Umgangsformen, zu denen auch banale Dinge wie Tischmanieren gehören, setzt die Gesellschaft als Erziehungsleistung der Familie stillschweigend voraus. Anerkennung dafür gibt es nicht. So lautet eine Kernaussage von Kirsten Schlegel-Matthies, die vor etwa 80 Teilnehmern bei „Excellence in the home“ über die Bedeutung von Familien und Haushalten für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft referierte. Die Professorin für Ernährung und Verbraucherbildung sieht Familien als wichtige Orte der Inkulturation und Sozialisation. Hier kommen nicht nur die Kinder zur Welt, die die Gesellschaft für ihren Fortbestand notwendig braucht, sondern hier lernen sie, ihr Leben zu gestalten, so Schlegel-Matthies. Wenn es auch, „ein Dorf“ brauche um ein Kind zu erziehen, so seien die Eltern doch die wichtigsten Vermittler von Lebenskultur und Umgang miteinander. Ein besonderer Aspekt familiärer Fürsorge, den Kinder zuhause erleben können, sei die Pflege von Angehörigen, die oft zusätzlich zur Betreuung von Kindern übernommen wird. Von der Gesellschaft wird nach der Wissenschaftlerin kaum wahrgenommen, welche hervorragende Arbeit die meisten Familien leisten, da sie ihr Interesse allzu gern nur auf Problemfälle richte.  

Forderungen an Staat und Gesellschaft 

sample_familie_02.jpgSchlegel-Matthies forderte deshalb, Familien mehr als bisher zu stärken. Dazu gehörten angemessene Transferleistungen für jedes Kind, die das Armutsrisiko auch für Familien mit geringerem Ein- kommen wirksam senken. Zum Erziehen gehöre Zeit, die Väter und Mütter neben Berufsarbeit und sonstigen Verpflichtungen auch haben müssen. Dabei seien sie auf die Unterstützung durch Arbeitgeber und Kinderbetreuungsangebote angewiesen. Nicht zuletzt hätten Familien einen Anspruch auf die Anerkennung und Wertschätzung der Gesellschaft. 

Wirtschaftliche Aspekte 

Die ökonomische Bedeutung der Familie in Wirtschaft und Gesellschaft nahm Professor Piorkowsky Bonn unter die Lupe. Die Familie oder der Haushalt tauchten in den Augen der Wirtschaft fast ausschließlich auf der Seite der Konsumenten auf, obwohl sie auch Arbeitskräfte und Steuerzahler „liefern“. Der wahre Wert der Leistungen, die eine Familie bei „Produktion“, Erziehung der Kinder erbringt, sei – so Piorkowsky – nur sehr schwer zu beziffern und werde im Bruttosozialprodukt überhaupt nicht berücksichtigt. Berechnen könne man als „Investitionen in ein langlebiges Wirtschaftsgut“ die Kosten für Lebenshaltung und Ausbildung von Kindern und eventuelle Verdienstausfälle. Welches „Humanvermögen“ aber wirklich durch die Erziehungs- Versorgungs- und Pflegeleistungen der Haushalte und Familien entstehe, könnten auch diese Modellrechnungen nicht exakt abbilden. 


Beispiele aus dem Leben 

sample_familie_03.jpgAlexandra Wachendorfer von „ar priori“ (Arbeit und Privatleben organisieren) stellte in einer Expertenrunde Beispiele für familienfreundliche Unternehmen vor: Einer Mutter, die ein krankes, fieberndes Kind hat, helfe es schon, wenn sie ohne lange Diskussion mit dem Vorgesetzten den Arbeitsbeginn bis nach dem Arztbesuch aufschieben zu können. Ein teurer Betriebskindergarten sei dazu nicht nötig. Dem stimmte auch Inger-Marie Sandberg zu, die familienfreundliche Maßnahmen bei der rewe Group in Köln koordiniert. Sie ergiff bei der abschließenden Podiumsdiskussion zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf das Wort, die von Christina Link-Blumrath, Chefredakteurin von ewtn-tv, moderiert wurde. Bei Rewe betrachtet man nicht nur die Kosten familienfreundlicher Regelungen und Angebote, sondern auch den Gewinn für das Unternehmen durch entspannte, hoch motivierte Mitarbeiter, die bei familiären Notfällen auf das Entgegenkommen ihres Arbeitgebers rechnen können. Monika Brudlewsky, ehemalige Bundestagsabgeordnete aus Oschersleben, schilderte den Alltag mit Beruf und Kindern in der DDR, der nur wenigen Frauen überhaupt die Möglichkeit ließ, ganz für die Kinder zu sorgen. Die Darmstädter Ärztin Dr. Teresa Kaufeler verzichtete nach dem Studium zugunsten ihrer vier Kinder auf eine Berufstätigkeit und schaffte nach 18 Jahren und einem Aufbaustudium den Wiedereinstieg. Die fehlende Anerkennung der Mutterschaft durch die Gesellschaft sieht Kaufeler als Hauptursache für gesunkene Geburtenzahlen. Für junge Frauen sei die Berufsarbeit attraktiver, da allgemein anerkannt. Einig war man sich in der Runde, dass der Spagat zwischen „Küche und Karriere“ nur mit einem wesentlichen Beitrag der Väter zu Haushalt und Kindererziehung gelingen könne.

 


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